Regelmäßige Bewegung fördert die Entwicklung von Kindern und hilft ihnen dabei, sich gesund zu entwickeln. Doch statt dem Kind die freie Entscheidung zu überlassen, wann und wie es sich bewegen möchte, übernehmen wir diese für sie. Wir legen das Baby auf den Bauch, um das „Kopf heben“ zu üben, anstatt zu warten, bis es sich selbst in Bauchlage dreht und sich dann über den Erfolg freuen kann. Wir setzen unser Kind aufrecht hin, bevor es sich selbstständig aufrichten kann. Wir fördern, helfen, lenken und übernehmen Entscheidungen für unsere Kinder. Nur ganz selten überlegen wir, ob unsere Kinder nicht lieber selber aktiv wären und ob sie für den nächsten Schritt der Bewegungsentwicklung überhaupt schon bereit sind.

Annika Jedliczka ist Expertin für körperliche Bewegung mit Kindern und erklärt uns in diesem ausführlichen Interview, warum freie Bewegung für Kinder so wichtig ist.

Was genau versteht man unter freier Bewegung?

Freie Bewegung bedeutet für mich sowohl, sich völlig ohne jegliche Vorgaben und ohne Anleitung zu bewegen, allerdings auch, offen gestellte Bewegungsanleitungen ohne (Be)wertung frei interpretieren zu dürfen.
Als Kindertanztrainerin lasse ich die Kinder oft ganz frei zur Musik bewegen, gebe ihnen aber manchmal mit der Art der Musik oder einem kleinen Stichwort eine Anregung, welches Gefühl, welchen Ort, welche Dinge sie versuchen können, zu transportieren und mit ihrem Körper auszudrücken. Ganz egal, ob das von außen auch so interpretiert würde oder nicht.

Wie profitieren Kinder von der freien Bewegungsentwicklung?

Ich bin der festen Überzeugung, dass damit die Selbstwahrnehmung, das Selbstbewusstsein und die Empathie bis ins Erwachsenenalter gefördert werden. Wenn man als Kind schon lernt, wie sich der eigene Körper und die Körpersprache bei der Darstellung verschiedener Emotionen verändern und sie dies auch an anderen Kindern beobachten können, lernen sie, denke ich, sowohl viel über sich selbst, als auch darüber, wie andere mit bestimmten Dingen umgehen und können dementsprechend empathisch darauf reagieren. Des Weiteren ist es auch wichtig, Kindern den Spaß an der Bewegung an sich zu vermitteln, ohne Spiel, ohne Ball, ohne Vorgaben oder, um ein Ziel zu erreichen, sondern einfach, weil es Spaß macht und sich gut anfühlt. Dadurch brauchen sie auch später nicht immer eine „Anleitung“, sondern entwickeln selbstständig Spiele, Bewegungsmuster und den Willen, sich zu bewegen. Davon können sie ihr Leben lang positiv profitieren. Wie viele Erwachsene denken und sagen, dass sie nicht tanzen können? In meinem Umfeld sehr viele. Und das, auch wenn nicht ausgelacht und bewertet wird. Tanzen und freie Bewegung kann sehr intim und persönlich sein, und es ist vollkommen in Ordnung, nicht alles davon nach außen tragen zu wollen.

Welche Vorteile bringt Bewegung im Kleinkindalter?

Kinder wollen sich bewegen. Das ist eine Tatsache, die ich seit Jahren in meinen Einheiten (egal welcher Sportart) beobachten kann. Kaum wird der Tanzsaal, die Halle oder die Tür zum Garten aufgesperrt, laufen, hüpfen, tanzen und spielen sie frei. Ohne jegliche Vorgabe oder Ziel. Einzig und allein um der Bewegung Willen. Kindern sollten dafür auf jeden Fall Möglichkeiten gegeben und Raum geschaffen werden. Positive Assoziationen mit Bewegung im (Klein)kindalter prägen das Leben nachhaltig und stärken den Wunsch nach Bewegung dauerhaft. Ab dem Schulalter werden die Kinder systembedingt ohnehin zu viel zum Sitzen gezwungen, wodurch langfristig viele sogenannte Zivilisationskrankheiten gefördert werden. Ihren Anfang nehmen diese schon sehr früh.

Wie kann ich mein Kind bei sportlichen Aktivitäten unterstützen bzw. dafür motivieren?

Das ist sehr alters- und interessensabhängig, aber grundsätzlich würde ich empfehlen: Lasst die Kinder sich bewegen! Manche Kinder brauchen dazu nichts, manche bewegen sich gerne zu Musik, andere mit einem Ball, andere am Liebsten mit FreundInnen. Lassen Sie Kinder ausprobieren und herausfinden, welche Art von Bewegung ihnen Freude bereitet. Geben Sie Ihnen Raum und Zeit und die Möglichkeit, sich in unterschiedlichen Settings zu bewegen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Selbstverständlichkeit der Bewegung, sowie die Vorbildwirkung. Kinder kopieren und adaptieren. Wenn sie die Eltern, älteren Geschwister, andere Bezugspersonen oder später „Vorbilder“ sieht, die sich gerne und im Alltag bewegen, sowie das zu Fuß gehen „vorgelebt“ wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dies zu adaptieren wesentlich höher. Noch ein kleiner Tipp: Seid kreativ und lasst Kinder kreativ sein! Nicht alles, was einem selbst Spaß macht, macht auch Kindern Spaß und umgekehrt. Manchmal sind die banalsten, einfachsten Dinge oder Geschichten der schönste Motivator für Bewegung, und das Spiel und das aufwändig geplante, stundenlang Vorbereitete wird von den Kindern keines Blickes gewürdigt.

Was kann ich tun, wenn das Kind die Lust am Sport verliert?

Sport und Bewegung sind verschiedene Dinge. Sport wird um des Sportes Willen und meist auch mit Ziel veranstaltet, während Bewegung auch Alltagsbewegung, Gartenarbeit und ähnliches umfasst. Ich denke, es ist wichtig, das für sich/sein Kind Richtige zu finden, und das können Sportarten oder Bewegungen sein, von denen man selbst noch nicht einmal weiß, dass sie existieren. Lassen Sie Ihr Kind vieles ausprobieren und versuchen Sie, FreundInnen mit an Bord zu kriegen, denn gemeinsam macht es einfach immer mehr Spaß. Wenn das Kind aber partout nicht möchte, versuchen Sie nicht, etwas zu erzwingen, sonst wird das Auffordern zur Bewegung schnell zur negativen Assoziation im Bewegungs- und Sportkontext. Vielleicht ist es auch nur eine Phase, und das Kind merkt schnell selbst, dass es sich wieder mehr bewegen möchte. Des Weiteren hilft es oft (vor allem einfache Bewegung, wie zum Beispiel gehen beim Wandern etc.), in irgendeiner Form spielerisch zu gestalten und den Kindern etwas zu geben, das ihnen mehr Spaß macht, als das reine Gehen. Es können Geschichten erzählt, Dinge und Tiere in der Natur beobachtet werden, Lieder gesungen, andere Bewegungsformen wie Hopsen oder Rückwärtsgehen ausprobiert werden. Hier sind Ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Wie lange sollten sich Kinder täglich bewegen?

Laut des öffentlichen Gesundheitsportals Österreich sieht die Empfehlung folgendermaßen aus:

Kinder sollen:

  • jeden Tag insgesamt mindestens 60 Minuten mit zumindest mittlerer Intensität körperlich aktiv sein
  • an mindestens drei Tagen der Woche muskelkräftigende und knochenstärkende Bewegungsformen durchführen
  • zusätzlich Aktivitäten ausführen, die die Koordination verbessern und die Beweglichkeit erhalten.

Quelle: https://www.gesundheit.gv.at/leben/bewegung/gesund-durch-sport/bewegungsempfehlungen-kinder

Ich persönlich sage: So viel sie wollen, denn wahrscheinlich wollen sie sich ohnehin mehr bewegen (vor allem bei Kindern im Kleinkind- und Volksschulalter, aber auch darüber hinaus). Kinder haben außerdem meist ein gutes Gefühl dafür, wann sie sich bewegen wollen und wann ihnen etwas zu viel ist und das zeigen sie meist auch. Darauf gilt es dann zu achten und einzugehen.

 

Über Annika Jedliczka

Annika Jedliczka, 24, Sportwissenschafterin und leidenschaftliche Kindertrainerin (Tanzen und Dodgeball).
Sie selbst treibt schon ihr Leben lang Sport und spielt seit 7 Jahren erfolgreich im österreichischen Dodgeballnationalteam. Durch ihre Eltern wurde ihr ohne jeglichen Druck sowohl die Begeisterung und das Durchhaltevermögen für den Leistungssport mitgegeben, aber auch die grundsätzliche Lust an der Bewegung vermittelt. „Als Kind waren meine Eltern TÄGLICH mit mir draußen. Rad fahren, Tennis spielen, spazieren gehen, wandern, im Gatsch spielen, Bob fahren, Staudämme bauen, selbsterfundene Spiele, ganz egal. Hauptsache draußen mit meiner Schwester und meinen Cousinen und Cousins.“, berichtet sie. Diese Liebe zur Bewegung weiterzugeben und die Freude der Kinder dabei zu sehen, hat sie zu ihrem Beruf gemacht und ist damit sehr glücklich. „So habe ich das Gefühl, den Kindern etwas Wertvolles und nachhaltig Positives auf ihren Lebensweg mitgeben zu können. Ich selbst könnte mir ein Leben ohne Sport nicht vorstellen“.

Annika arbeitet aktuell im Wirbelsäulenstützpunkt Wien, bei mybodyworks und ist Tanztrainerin für Kinder und Erwachsene beim KiddyDanceClub. Des Weiteren hat sie ein Dodgeballkindertraining aufgebaut und unterrichtet dies im MaroltingerPlus Programm.

Neben ihrer Arbeit mit Kindern ist „Make A Change“ ihr Herzensprojekt. Eine Tauschplattform für Sportartikel, die möglichst vielen Kindern Zugang zu Sportartikeln gewähren soll, sowie durch organisierte Events Kinder und Jugendliche zum und durch Sport zu bewegen. Durch das Tauschen (statt Kaufen) sollen Ressourcen geschont und sinnvoll genutzt werden, um so positiv zum Klimawandel beizutragen. Mehr Infos dazu findest du hier: www.makeachange-ioc.com oder auf Facebook „Make A Change“- das Tauschportal für Sportartikel.

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Annika Jedliczka Freie Bewegung bei Kindern